Emsdettener Volkszeitung: Bundestagsabgeordnete Anja Karliczek absolviert Praktikum bei der Versicherung

Emsdettener Volkszeitung: Bundestagsabgeordnete Anja Karliczek absolviert Praktikum bei der Versicherung

Praxis trifft Politik

EMSDETTEN. Sie hätte einen Tag im Altenheim verbringen können – macht sich immer gut. Sie hätte ein Praktikum auf dem Bau machen können. Mit Helm auf einem Bagger – sehr medienwirksam. Stattdessen aber absolvierte Anja Karliczek einen Arbeitstag in einer Versicherungsagentur. Und der begann mit durchaus kontroversen Diskussionen.

Denn so sehr man sich versteht und so locker die Atmosphäre am „Kommunikationstresen“ in der Provinzial-Agentur an der Schulstraße auch war – einer Meinung mit der heimischen CDU-Bundestagsabgeordneten aus Tecklenburg waren Klaus Hagemeister und Oliver Kellner nicht immer. Und Michael H. Heinz, Präsident des Präsident des Bundesverbandes der Dienstleistungswirtschaft (BDWI) und des Bundesverbandes Deutscher Versicherungskaufleute (BVK) in Personalunion, schon gar nicht.

Seit Jahren organisiert der BDWI die Aktion „Praxis trifft Politik“, bei der Spitzenpolitiker einen Tag lang Dienstleistungsberufe erleben, sich mit Chefs und Mitarbeitern austauschen, Probleme erörtern können. „Die Bandbreite reicht von Altenhilfe bis Zeitarbeit“, erzählt Heinz, als sich das Quartett zum „Praktikumsauftakt“ von Anja Karliczek in Emsdetten trifft.

Die gelernte Bankkauf- und Hotelfachfrau machte ein Kreuzchen bei „Versicherungswirtschaft“, wohl wissend, dass hier ein Arbeitstag mit Gesprächen und Diskussionen kein Sonntagsausflug wird – das in Berlin auf den Weg gebrachte Reformpaket im Lebensversicherungsbereich sorgte und sorgt für viele Diskussionen in der Branche, die obendrein eng mit der (Spitzen-)Politik verwoben ist und als ausgesprochen Lobby-stark gilt.

Gespräche suchen

„Aber das ist mein Thema, da muss ich die Gespräche suchen und mich stellen“, sagt Karliczek, die das Reformpaket mit betreut hat, die in der CDU-Fraktion auch für das Thema Altersvorsorge zuständig ist, sich mit Regulierungsmechanismen beschäftigt. „Möglichst nicht nur in der Theorie. Ich möchte viel Praxis aufsaugen.“

Dass letztere das Reformpaket nicht unkritisch sieht, bekommt sie bei einem Kaffee aus dem Provinzial-Becher mit den Engelsflügeln gleich dreifach um die Ohren gehauen. Beispiel: klar ausgewiesene Honorare statt schwer nachvollziehbarer Provisionen beim Abschluss von Altersvorsorge-Produkten: „Wenn ein Produkt weniger kostet, heißt das noch längst nicht, dass es damit besser ist“, kritisiert Michael H. Heinz, dass solche Vorgaben zwar gut beim Bürger ankommen, aus seiner Sicht aber sehr kurz gefasst seien, ein komplexes Thema eindimensional betrachten würden. Die private Vorsorge fürs Alter werde immer wichtiger, ergänzt Oliver Kellner. „Da nehmen wir Versicherer sozusagen eine gesellschaftspolitische Aufgabe wahr.“ Angesichts der dramatischen Hochwasserschäden in Greven und Münster ein ganz aktuelles Thema: die Elementarschadenversicherung. Wie hoch denn in Emsdetten die Quote sei, möchte Anja Karliczek wissen – schließlich sind NRW-weit nur 31 Prozent der Haushalte gegen Elementarschäden versichert, in Hamburg gar nur 19. „In Emsdetten über 40 Prozent“, weiß Klaus Hagemeister.

Was er als noch gravierender bewertet: 35 Prozent der Deutschen seien nicht privathaftpflichtversichert. „Die“, gibt er Karliczek mit auf den Weg nach Berlin, „müsste eigentlich verpflichtend sein.“

Gemeinsamer Nenner

Nach zwei Stunden Diskussion zum Auftakt des Praktikums hat das Quartett in einer entscheidenden Frage übrigens einen gemeinsamen Nenner gefunden: Der Markt muss so reguliert werden, dass ein guter Verbraucherschutz gewährleistet ist. Er darf aber nicht so überreguliert werden, dass ein Wirtschaften kaum mehr möglich ist. Geht doch.

Quelle: Christian Busch, Emsdettener Volkszeitung